Mensch und Automat

Ullrich Köthe (maschinelles Lernen), Andreas Voß (Kognitionswissenschaft), Rebecca Müller (Kunstgeschichte), WS 2022/2023

Künstliche Intelligenz ist ein Thema von großer Tragweite. Ihrem Nutzen und Potential stehen in den öffentlichen Debatten Misstrauen und Ängste gegenüber. Die Übung/Seminar beleuchtet das Verhältnis von Mensch und Automat aus drei Blickwinkeln und verbindet aktuelle Fragen zur KI mit ihrer historischen Perspektivierung. Ziel ist es, das Phänomen des Automaten als künstlichem Gegenüber des Menschen disziplinenübergreifend zu erfassen.

Aus kulturhistorischer Sicht sollen Automaten in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit mit Ausblicken in die Moderne daraufhin untersucht werden, welche Formen ihnen gegeben wurden und welche Bilder man in der Literatur für fiktive Automaten fand. Wir thematisieren bildtheoretische und wahrnehmungsästhetische Kategorien ebenso wie die Diskurse, die sich in der Figur des Automaten treffen.

Aus psychologsicher Sicht sollen Wahrnehmung und Bewertung von KI durch ihre Anwender diskutiert werden. Es wird analysiert, welche Faktoren dazu führen, dass Menschen Entscheidungen von Algorithmen nachvollziehen können und diesen vertrauen.

Aus Sicht des maschinellen Lernens wollen wir neueste Automaten vorstellen, die vor kurzem noch als Science Fiction galten - z.B. autonome Roboter, automatische Übersetzer und Dialogsysteme, sowie lernfähige Graphikdesigner - und die daraus erwachsenden Fragen von der Verlässlichkeit solcher Automaten bis hin zu einer Neubewertung von Begriffen wie Begreifen oder Verstehen diskutieren.

  1. Kunstgeschichtliche Themen
  2. Psychologische Themen
  3. Themen aus KI und Maschinellem Lernen

Bitte melden Sie sich für das Seminar per Email bei der/demjenigen an, aus deren/dessen Gebiet Sie vortragen wollen, und geben Sie dabei Ihre favorisierten Themen an: Rebecca Müller (für Kunstgeschichte), Andreas Voß (für Psychologie und Kognitionswissenschaft), Ullrich Köthe (für KI und maschinelles Lernen). Jede(r) Teilnehmer(in) hält einen Vortrag von 35-40 Minuten mit anschließender Diskussion. Weitere Anforderungen und die erzielten Leistungspunkte richten sich nach dem Fach, für das Sie die Veranstaltung anrechnen.


Zeitplan

19. Oktober 2022, 16-18 Uhr Einführung Psychologisches Institut, Hauptstraße 47-51 (Hintergebäude), Seminarraum B
13. Januar 2022, ganztags Vortragsblock 1 Marsilius-Kolleg, Im Neuenheimer Feld 130.1, Vortragssaal
3. Februar 2022, ganztags Vortragsblock 2 Marsilius-Kolleg, Im Neuenheimer Feld 130.1, Vortragssaal
10. Februar 2022, ganztags Vortragsblock 3 Marsilius-Kolleg, Im Neuenheimer Feld 130.1, Vortragssaal


Themenvorschläge

Sie können die angegebenen Vorschläge selbstverständlich durch passende eigene Themen ergänzen bzw. ersetzen. Themen können auch auf mehrere Vorträge aufgeteilt werden.

Kunstgeschichtliche Themen

  • Automaten in der Antike: Dichtung (Figuren der Mythologie u.a. Hephaistos, Daedalus, Medea) und Technikliteratur (Autoren u.a. Archimedes, Heron von Alexandria)
    Das Thema kann auch in zwei Referaten behandelt werden; es soll dicht an Quellentexten (in Übers.) und Rekonstruktionen von Beispielen untersuchen, welche selbstbewegenden Figuren, Geräte etc. antike Autoren erdacht haben, welche Funktionen sie in der Literatur und in der Realität erhielten und wie das Verhältnis zum Menschen bestimmt wird.
    Einführend: R. Amedick, Wasserspiele, Uhren und Automaten mit Figuren in der Antike, in: K. Grubmüller/M. Stock (Hgg.), Automaten in Kunst und Literatur des Mittelalters, Wiesbaden 2003, 9-48
    P. Weitmann, Technik als Kunst. Automaten in der griechisch-römischen Antike […], Tübingen/Berlin 2011
    A. Mayor, Götter und Maschinen: wie die Antike das 21. Jahrhundert erfand, Darmstadt 2020.
     
  • Automaten in Byzanz: Der byzantinische Thronautomat gehört zu den bekanntesten Automaten des Mittelalters. Seine Beschreibungen und andere Quellen zu byzantinischen Automaten erlauben Überlegungen zu Aussehen und Funktionsweise und sollen u.a. daraufhin befragt werden, wie Byzantiner und ausländische Gesandte diese Form höfischer Kunst wahrgenommen haben.
    Einführend: R. Hammerstein, Macht und Klang: tönende Automaten als Realität und Fiktion in der alten und mittelalterlichen Welt, Bern 1986
    C. Canavas, Automaten in Byzanz. Der Thron von Magnaura, in: K. Grubmüller/M. Stock (Hgg.), Automaten in Kunst und Literatur des Mittelalters, Wiesbaden 2003, 49-72
    A. Berger, Die akustische Dimension des Kaiserzeremoniells: Gesang, Orgelspiel und Automaten, in: F.A. Bauer (Hg.), Visualisierungen von Herrschaft. Frühmittelalterliche Residenzen – Gestalt und Zeremoniell, Istanbul 2006, 63–77
    E.R. Truitt, Medieval Robots. Mechanism, Magic, Nature, and Art, Philadelphia 2015; s.a. die Rez. R. Müller, Kunstchronik 70, 1, 2017, 36-44.
     
  • Automaten in der arabischen Dichtung und Technikliteratur: Arabische Autoren rezipierten antike Technikliteratur und entwarfen neue Automaten; fiktive Automaten sind Motive arabischer Dichtung. Diese Texte und begleitende Buchilluminationen sollen exemplarisch vorgestellt und die Automaten u.a. in Technik, Funktionen und Wirkung vorgestellt werden.
    Einführend: P. Bachmann, Automaten in der arabischen Literatur, in: K. Grubmüller/M. Stock (Hgg.), Automaten in Kunst und Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Wiesbaden 2003, 73–89
    T.M.P. Duggan, Diplomatic Shock and Awe: Moving, Sometimes Speaking, Islamic Sculptures, in: Al-Masaq 21, 3, 2009, 229-267
    S. Zielinski/P. Weibel (Hgg.), Allah’s Automata – Artifacts of the Arab-Islamic Renaissance (800–1200). Ausst.Kat., Ostfildern 2015.
     
  • Zwischen technischem Wunder und Werk von Dämonen: Fiktive Automaten in der mittelalterlichen Literatur. In zwei Referaten je zur französischen bzw. zur mittelhochdeutschen Literatur werden die wunderbaren, fiktiven Automaten der Romane (ggf. auch mit Buchillustrationen) exemplarisch vorgestellt; Fragestellungen sind u.a. die mit ihnen vermittelten Vorstellungen von Technik, Kunst, Natur, Wunder und Magie und ihr Verhältnis zu den menschlichen Romanfiguren.
    Einführend zur frz. Literatur: J.D. Bruce, Human Automata in Classical Tradition and Mediaeval Romance, in: Modern Philology 10, 1913, 511-526
    J. Scheidegger, Les automates dans le roman antique (Roman de Thebes et Roman de Troie), in: D. Buschinger (Hg.), Le Roman antique au Moyen Age, Göppingen 1992, 177–186
    A. Rabeyroux, Images de la «merveille»: la «Chambre de Beautés», in: Médiévales 22-23, 1992, 31-45
    R. Truitt, Medieval Robots. Mechanism, Magic, Nature, and Art, Philadelphia 2015.
     
    Einführend zur mdt. Literatur: E. Ulrich, Zauber, Technik, Imagination. Zur Darstellung von Automaten in der Erzählliteratur des Mittelalters, in: K. Grubmüller/M. Stock (Hgg.), Automaten in Kunst und Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Wiesbaden 2003, 115-172
    S. Finkele/S. Krause, Automaten (und ihre Konstruktion) in hochmittelalterlicher Dichtung, in: S. Finkele (Hg.), Technikfiktionen und Technikdiskurse: Ringvorlesung des Instituts für Literaturwissenschaft im Sommersemester 2009, Karlsruhe 2012, 9-50
    M. Zimmermann, Technische Meisterkonstruktionen – dämonisches Zauberwerk: Der Automat in der mittelhochdeutschen Literatur, Berlin 2011.
     
  • Automaten im europäischen Mittelalter: Kontexte, Technik, Funktion und Wahrnehmung. Das Thema (das auch in zwei Referate geteilt werden kann) umfaßt erhaltene Automaten und Textquellen zu verlorenen, aber realisierten Beispielen, ebenso mit den Zeichnungen des Villard d’Honnecourt die frühesten bildlichen Darstellungen.
    Einführend : H.R. Hahnloser, Villard de Honnecourt. Kritische Gesamtausgabe des Bauhüttenbuches ms. fr 19093 der Pariser Nationalbibliothek, 2. erw. Aufl. Graz 1972
    C.F. Barnes, The Portfolio of Villard de Honnecourt. A New Critical Edition and Color Facsimile, Farnham 2009
    E.R. Truitt, Medieval Robots. Mechanism, Magic, Nature, and Art, Philadelphia 2015; s.a. die Rez. R. Müller, Kunstchronik 70, 1, 2017, 36-44
    M. Popplow, Technik im Mittelalter, 2. Aufl. München 2019
    V. Deluz, Création mécanique : le coq automate de la première horloge astronomique de Strasbourg, in: F. Besson u.a. (Hgg.), Créer. Createurs Créations, créatures au Moyen Âge, Paris 2019, 215-236.
     
  • Staunen und Vergnügen: Automaten in der höfischen Kultur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Das Referat soll beispielhaft Automaten und ihre Funktionen in höfischen Kontexten des 14. bis 16. Jahrhunderts (Schwerpunkte nach Wahl) vorstellen.
    Einführend: B. Franke, Automaten in höfischen Lustgärten der Frühen Neuzeit, in: K. Grubmüller/M. Stock (Hgg.), Automaten in Kunst und Literatur des Mittelalters, Wiesbaden 2003, 247-267
    S. Fliegel, Automates gothiques à la cour des Valois, in: Taburet-Delahaye (Hg.), La création artistique en France autour de 1400, Paris 2006, 119-133
    S. Farmer, Aristocratic Power and the 'Natural' Landscape: The Garden Park at Hesdin, ca. 1291-1302, in: Speculum 88, 2013, 644-680
    J. Keating, Animating Empire: Automata, the Holy Roman Empire, and the Early Modern World, University Park 2018.
     
  • Zwischen Religion und Trickbetrug: Automaten in religiösen Kontexten des Spätmittelalters bis zur Neuzeit. Thema des Referats sind in der (Para)Liturgie eingesetzte bewegliche, weinende, blutende etc. Christus-, Marien- und Heiligenfiguren sowie Figuren an Uhrwerken, die Schnittstellen zwischen Kunst, Technik und Religion markieren.
    Einführend: M. Dengler, Zeitmaschinen, Sakralautomaten, Frömmigkeitsapparate: Die Produktion sakraler Zeiten im Kirchenraum der Vormoderne, Konstanz 2011 (http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:352-263349)
    C. Vagt, Deus in machina. Zur Sakralisierung der Mechanik im späten Mittelalter, in: F. Balke u.a. (Hgg.), Medien des Heiligen (=Archiv für Mediengeschichte 15) 2015, 31-42
    J. Tripps, The joy of automata and Cistercian monasteries: from Boxley in Kent to San Galgano in Tuscany, in: The sculpture journal 25, 1, 2016, 7-28.
     
  • Figurenautomaten und Konzepte des Körpers als Maschine vom 18. Jh. bis heute. Das Thema umfaßt zwei Referate, die Automaten, Roboter und Cyborgs des 18. Jh. bzw. des 19. Jh. bis heute (mit Schwerpunkten nach Wahl in Literatur oder bildender Kunst/Film) in den Blick nehmen sollen.
    Einführende Lit.: J. Cohen, Human robots in myth and science, London 1966
    A. Sutter, Göttliche Maschinen: die Automaten für Lebendiges bei Descartes, Leibniz, La Mettrie und Kant, Frankfurt 1988
    J. Söring (Hg.), Androiden zur Poetologie der Automaten, Frankfurt 1997
    P. Müller-Tamm/H. Bredekamp (Hgg.), Puppen, Körper, Automaten - Phantasmen der Moderne. Ausst.Kat., Köln 1999
    G. Febel/C. Bauer-Funke (Hgg.), Menschenkonstruktionen: künstliche Menschen in Literatur, Film, Theater und Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 2004
    J. Riskin, Künstliches Leben produzieren. Denkparallelen im Automatenbau des 18. Jahrhunderts und heute, in: B. Orland (Hg.), Artifizielle Körper – lebendige Technik 2005, 65-85
    R. Gunzenhäuser, Automaten, Roboter, Cyborgs: Körperkonzepte im Wandel, Trier 2006
    T. Lindauer, Reconstructing Eve: Automatenmenschen in Literatur und Film, Marburg 2008
    B. Westermann, Anthropomorphe Maschinen: Grenzgänge zwischen Biologie und Technik seit dem 18. Jahrhundert, München/Paderborn 2012
    I. Irsigler/D. Orth (Hgg.), Roboter, Künstliche Intelligenz und Transhumanismus in Literatur, Film und anderen Medien, Heidelberg 2021.

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